20 Jahre Matthäus-Bild und kleine Ausstellung

Im Kirchweihgottesdienst geht es um das Matthäus-Bild, das Liselotte von Crailsheim vor 20 Jahren für die Matthäuskirche Rehweiler gemalt hat. Zu Worten aus dem Matthäusevangelium haben Kinder beim Ferienspaß einige Bilder gemalt, die am Sonntag auch in (oder vor) der Matthäuskirche zu sehen sind. Weitere Bilder sollen im Lauf der Zeit noch dazukommen. Die Kirche ist an der Kirchweih tagsüber geöffnet. - Die Predigt finden Sie hier.

Predigt zur Kirchweih 2021

Gewöhnlich erhält eine Kirche bei ihrer Einweihung einen Namen. Zum Beispiel St. Laurentiuskirche Füttersee.

In Rehweiler war das ganz anders. Die Kirche hatte 225 Jahre keinen Namen. Das hatte einen Grund. Sie ist die einzige Herrnhuter Saalkirche in Bayern. Die Herrnhuter Brüdergemeine ist von der reformierten Tradition und vom Pietismus geprägt. Für die Versammlung der Gemeinde braucht es einen Saal, keine herkömmliche Kirche. Ein Betsaal genügt. Zinzendorf war ein Reichsgraf. Kein Wunder, dass der Betsaal einem schmucklosen Festsaal ähnelt mit vielen Fenstern, hell, voll Licht. Das Bilderverbot der Bibel wurde wörtlich genommen. Darum keine Bilder und keine Kunstwerke. Auch keine Heiligen und kein besonderer Name für die Kirche.

Erst unter Pfarrer Zettler erhielt die Herrnhuter Saalkirche hier an der Kirchweih im Jahr 2000 den Namen „Matthäus“. Ein Jahr darauf, also genau vor 20 Jahren, wurde ein Bild zum neuen Kirchenpatron enthüllt, das Liselotte von Crailsheim gemalt hat. Dieses 20-jährige Jubiläum will ich heute in den Vordergrund rücken und besonders auf das Matthäusevangelium eingehen. Liselotte von Crailsheim hat das Matthäus-Bild als Fahne gestaltet, die man aufrollen und mitnehmen kann. Ein Hinweis auf die ersten Christen, die Jesus nachgefolgt sind und keine Kirchen hatten, sondern sich reihum in ihren Häusern trafen.

Auf dem Bild ist der Evangelist Matthäus dem Licht der Sonne zugewandt. Göttliches Licht erfüllt ihn, sein Herz, seine Gedanken.

Im Kirchweihgottesdienst vor 20 Jahren verhüllte eine Kirchenfahne dieses neue Gemälde. Es war gleichsam ein verpacktes Geschenk an die Gemeinde von den Jubelkonfirmanden.

Pfr. Ralph-Peter Zettler und Liselotte von Crailsheim, Kirchweih 2001
Bildrechte: Kitzinger Zeitung, hj

Die Künstlerin Liselotte von Crailsheim hatte nach einem längeren Beratungsprozess vom Kirchenvorstand den Auftrag erhalten, den neuen Namensgeber der Kirche ins Bild zu setzen. Wie auf eine Tafel gemalte Überschrift ist der Name „Matthäus“ oben im Bild zu lesen.

Liselotte von Crailsheim ist 1926 geboren und 2007 verstorben. Sie wurde in Bielefeld geboren, machte eine Lehre als Keramikmalerin, lernte an der Fachhochschule für Gestaltung in Bielefeld und an der Kunstakademie in München und war Dozentin. 1979 zog sie mit ihrem Mann Berthold von Crailsheim (15.8.1938 – 21.8.2021) von München ins Altenschönbacher Schloss. Gemälde von ihr finden sich auch in Castell, Fröhstockheim und anderen Orten der Umgebung.

Gerne hat sie lyrische und biblische Texte in ihre Bilder eingebunden. So sehen wir es auf beiden Bildern von ihr hier in der Kirche. Das Bild am Taufstein von Johannes den Täufer hatte sie bereits 1999 der Gemeinde übergeben. Sie hatte sich vorher die Kirche genauer angeschaut, um die Farben dem Raum anzupassen. In Farbentheorie und Farbenpsychologie hatte sie sich fortgebildet.

Ultramarinblau und Gelbtöne bestimmen das Gemälde zu Matthäus. Freundlich und ansprechend sollen diese hellen Farben in den Raum hineinwirken. Wie geht es Ihnen mit diesen beiden Bildern. Im Zusammenspiel zwischen der gräulich-violetten Kanzel mit ihren Vergoldungen leuchtet die blaue Farbe der zwei Bilder freundlich und wohltuend in den Raum. Das Reich Gottes ist nicht schwarz-weiß, sondern vielfarbig und bunt.

Wenn ich das Matthäus-Bild betrachte, dann habe ich den Eindruck, dass Matthäus mit seinem Oberkörper angedeutet an einem Fenster steht und von der Sonne angestrahlt wird. Die Konturen seines Gesichts, das in die Gemeinde schaut, verschwimmen im gleißenden Licht. Der gelbe Glanz des Lichtes leuchtet nicht nur das Namensschild „Matthäus“ an, er durchdringt auch das Buch, das Matthäus in seinen Händen hält, das nach ihm benannte Matthäus-Evangelium; dann sein Gewand an der Stelle seines Herzens und hinter seinem Rücken die Seligpreisung aus der Bergpredigt Mt 5,8: „Selig sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ Matthäus ist dargestellt, dass er Gott schaut, dass er lichtdurchflutet von Gottes Nähe erfüllt ist. So von Gottes Geist erfüllt wendet er seinen Blick dem Betrachter und der Gemeinde zu. Er will sie in seine Gottesschau mit hineinnehmen.

Das Matthäusevangelium hat in der Bibel einen gewichtigen Platz von Anfang an. In allen Sammlungen der ersten Jahrhunderte findet es sich als erste Schrift des Neuen Testaments. Es bildet genau die Schnittstelle zwischen Altem und Neuem Testament. Es fußt auf dem Alten Testament und stellt die Geschichte Jesu als Erfüllung alttestamentlicher Verheißungen dar.

Gleich im 1. Kapitel deutet Matthäus eine Verheißung des Propheten Jesaja auf Jesus: „Und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“ Alles was dann über Jesus im Evangelium gesagt wird, steht unter diesem Vorzeichen: In Jesus ist Gott mit uns, damals wie heute. Als Christen glauben wir, dass Gott sich in Jesus auf besondere Weise gezeigt hat. Wir glauben nicht an Jesus vorbei an Gott, sondern wir glauben an Gott, wie er sich durch Jesus zu erkennen gegeben hat. Darum ist der Name Immanuel Programm. Gott mit uns in Jesus.

Das Matthäus-Evangelium kann also nicht ohne das AT verstanden werden. Es ist tief verankert im Judentum und spiegelt eigentlich eine innerjüdische Ausdifferenzierung, auf keinen Fall aber einen Antijudaismus. Ich will das betonen in diesem Jahr, wo an eine über 1700jährige Geschichte des Judentums in Deutschland erinnert wird. Matthäus steht für die enge Verbindung zwischen Judentum und Christentum. Das Matthäusevangelium beginnt nicht zufällig mit dem Stammbaum Jesu, der über David bis auf Abraham zurückgeführt wird. Und es schließt mit dem Missionsauftrag.

Anfang und Ende des Matthäus-Evangeliums haben ein besonders Gewicht. Die ersten Worte lauten auf Griechisch: „Biblos geneseos Jesou Christou“ „Buch des Ursprungs, der Abstammung Jesu Christi“ – hier schwingt das Buch Genesis mit. Die ersten Worte sind eine deutliche Anlehnung an den Anfang der Thora mit ihrem Buch Genesis.

Am Ende steht der Missionsauftrag des auferstandenen Jesus, zu allen Menschen und Völkern zu gehen und sie zu lehren, was Jesus ihnen gesagt und befohlen hat. „Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. Hier klingt der letzte Satz des Daniel-Buches an, der auch im Zusammenhang der Auferstehung steht: Du wirst auferstehen am Ende der Tage. (Dan. 12, 13) Am Ende wird der Ausblick auf das künftige Heil gegeben. Das Buch Daniel war in einigen alten Listen das letzte Buch der Bibel. Man kann also sagen: Das Matthäus-Evangelium greift auf das Ganze des AT zurück. Seine Erzählung ist eine Weiterschreibung des AT. Und der Missionsauftrag ist eine Eröffnung für alle anderen christlichen Schriften, die zeigen, dass die Jünger ihrem Auftrag nachkommen und weiterhin von dem erzählen, was sie mit Jesus erlebt haben und was er gesagt hat. Liselotte von Crailsheim hat das unterstrichen, indem sie unter Matthäus einen Viertelbogen gemalt hat. Damit weist sie darauf hin, dass Matthäus einer unter vier Evangelisten ist. Auch auf die anderen Evangelisten gilt es zu hören.

Im Matthäusevangelium gibt es keine Himmelfahrtsgeschichte wie bei Lukas. Es schließt mit der Zusage des Auferstandenen, dass er alle Tage bei seinen Jüngern ist, als Immanuel, Gott mit uns.

Die Jesusgeschichte, die Matthäus erzählt, ist keine vergangene Geschichte. Sie ist gleichzeitig auch die Geschichte der Gemeinde, auch unserer Gemeinde. Sie wird durchsichtig für unsere eigene Geschichte. Gott hat sich an die Geschichte Jesu gebunden. Gott ist mit uns, wenn wir die Jesusgeschichten heute hören. Dieses Durchsichtig-Werden der Jesusgeschichte für die eigene Geschichte entdecke ich in der Bildgestaltung von Liselotte von Crailsheim. Sie malt Matthäus so, dass er transparent erscheint. Durch ihn leuchtet das göttliche Licht hindurch und will so auch dich und mich erleuchten.

So wie es sich in der Geschichte Jesu ereignet, bleibt Gott dauerhaft in seiner Gemeinde. Lesen oder hören wir als Gemeinde Jesusüberlieferungen, so hören sie darin zugleich, wie Gott heute mit uns ist. Immanuel. Hören wir, was Jesus damals sagte, hören wir zugleich, was er heute sagt. (Das wird als inklusive Jesusgeschichte bezeichnet.)

Als Hauptimpuls, der von Jesus ausgeht, hat Liselotte von Crailsheim das Liebesgebot empfunden. Im Herzen des Matthäus beginnt sie mit den Worten: „Liebe Gott.“ Darunter: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Jesus erscheint im Matthäus-Evangelium höher als Mose. In der Bergpredigt steigert Jesus die Auslegung der Thora und spitzt sie zu im Liebesgebot und in der Goldenen Regel. Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten. (Mt 7,12) Das ist die neue Thora Jesu. An der Gottesliebe und an der Nächstenliebe hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Mt 22,40) Jesus erscheint als Lehrer in göttlicher Vollmacht, der die Thora auslegt am Maßstab der Gottesliebe und der Nächstenliebe.

Das ist ein hoher Anspruch! Tu das, was du willst, das andere dir tun. Denken wir einmal darüber nach, was das bedeutet, dass man das anderen tut, was man sich selber so sehr wünscht!

Als Konsequenz aus dem Liebesgebot hat Liselotte von Crailsheim ein Wort geschrieben, das gleich zweimal im Matthäusevangelium vorkommt. „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Das ist gegen alle religiöse Scheinheiligkeit gerichtet. Die rechte Beziehung und Liebe zu Gott muss sich im Umgang miteinander zeigen.

Wie das aussehen kann, illustriert Liselotte von Crailsheim mit einem vierten Zitat aus dem Matthäus-Evangelium: „Wie oft muss ich vergeben? - Nicht sieben Mal, sondern siebenmal siebzigmal.“ (Mt 18, 21f.)

Ein 15 Jahre älterer Mann hält seine Frau in der Ehe klein und zieht in der Erziehung der Kinder nicht mir ihr an einem Strang. Viele Verletzungen führen schließlich zur Scheidung. Doch als der Mann im Alter pflegebedürftig wird, pflegt sie ihn und will auch ihren Kindern damit sagen: „Man muss vergeben können.“ „Du bist ein Engel, nachdem was ich dir alles angetan habe,“ sagt er zu ihr.

Den Schluss des Matthäus-Evangeliums greift Liselotte von Crailsheim auf mit einem Wort aus der Aussendungsrede Jesu Mt 10, wo Jesus seine Jünger zu zweit aussendet und sagt: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Gratis. (Mt 10,8) Was uns Gott schenkt, sollen wir mit anderen teilen ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Bei aller berechtigten Kritik an Fehlern beim Missionieren muss aber doch festgehalten werden, dass die Bezeugung des Glaubens ein Auftrag der Kirche und der Gemeinde ist. Wo der Glaube gelebt und bezeugt wird, da ist "der Immanuel" erfahrbar. Ich wünsche uns als Gemeinde, dass auch das Zeugnis von Liselotte von Crailsheim, das durch ihre Bilder zu uns spricht, uns die Nähe Gottes erfahrbar macht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.