Demut und Solidarität mit den Flutopfern

Liebe Gemeinde! Wenn du in Ahrweiler oder einem anderen von der Flut betroffenen Ort warst, dann wirst du demütig. Wenn du die unvorstellbaren Schäden siehst, die das Hochwasser angerichtet hat, dann nimmst du deine eigenen Alltagsprobleme nicht mehr ganz so wichtig. So eine Stimme aus unserer Gemeinde.

In Ahrweiler haben vor allem junge Leute vor nicht allzu langer Zeit im Bereich einer Feuchtwiese gebaut. Die Flut hat die Häuser aufgerissen, Wohnung, Möbel, Auto sind weg, aber die Schulden bleiben. Werden sie dort noch wohnen wollen?

Der katholische Pfarrer Jörg Meyrer gibt dem Reporter zu, dass es ihm gerade schwerfällt zu beten, jetzt, im Strudel der Katastrophe. „Dein Wille geschehe“, das könne er gerade nicht sagen.

 

St. Laurentiuskirche in Ahrweiler
Bildrechte: Publik Forum Nr. 15 / 2021

An der Ostwand der Laurentiuskirche steht außen in einer Nische ein altes Sandsteinkreuz. Die Flut reichte dem Gekreuzigten bis fast an die Füße. Als das Wasser den Ort wieder freigab, hat Pfarrer Meyrer die Hände in Schlamm getaucht und an die Wand gedrückt. Sie erinnern irgendwie an den sinkenden Petrus, von dem nur noch die Hände aus dem Wasser ragen. Zwei Worte schrieb Pfarrer Meyrer mit seinen Fingern an die Wand neben das Kreuz: „Herr, hilf“. Der Ort wurde zu einem Klageraum. Wer will, kann dort eine Kerze anzünden. „Love“ (Liebe) und „One more light“ (noch ein Licht) ist etwas kleiner unter dem Ruf „Herr, hilf“ zu lesen. Zu einer spontanen Andacht an diesem Ort haben zwei Frauen Sonnenblumen mitgebracht. Jörg Meyrer stimmte ein Taizé-Lied an: „Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau‘ ich und fürcht‘ mich nicht.

Liebe Gemeinde, angesichts dieser Naturgewalten wird man demütig. Demut ist das Thema dieses Sonntags. Wir haben nicht alles in der Hand. Das lässt uns demütig werden. Demut gilt in der Bibel als die angemessene Haltung gegenüber Gott. Sprachlich lässt sich das Wort Demut herleiten von Mut zum Dienen. Mut ist eine innere Kraft. Demut hat nichts mit Schwächlichkeit und Duckmäusertum zu tun. Demut meint kein unterwürfiges Verhalten.

Es geht nicht darum, dass ich mich klein mache oder meine Gaben nicht wertschätze. Im Gegenteil. Ich soll mich realistisch einschätzen. Ich darf stolz sein auf meine Gaben und Gott dafür danken und etwas daraus machen, anderen dienen. Ich darf und soll mich auch an den Gaben der anderen freuen. Aber ich soll mir aber auch meiner Grenzen bewusst bleiben. Der Prophet Micha hat es so auf den Punkt gebracht: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Gegenüber Gott ist Demut angesagt. Was ich bin, bin ich nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit.

Der Apostel Paulus hat immer wieder mit der rechten Demut gerungen. Einerseits war er ganz von sich und seiner Berufung überzeugt. Andererseits nimmt er sich immer wieder ganz zurück. Er schreibt: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ Oder im Lehrtext für heute: „Ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“

Die Haltung der Demut gegenüber Gott findet sich auch im Predigttext für heute. Der Text ist ein Loblied auf Gott, auf Gottes Barmherzigkeit und zuvorkommende Liebe. Dass wir Christen sind und zu Jesus Christus gehören, das liegt nicht an uns selbst. Darauf können wir uns nichts einbilden. Das liegt allein in Gottes Güte und Gnade begründet. 

Ich lese Epheser 2 nach der Übersetzung der BasisBibel:

4Aber Gott ist reich an Barmherzigkeit. Mit seiner ganzen Liebe hat er uns geliebt 5und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht. Das tat er, obwohl wir tot waren aufgrund unserer Verfehlungen. – Aus reiner Gnade seid ihr gerettet! – 6Er hat uns mit Christus auferweckt und zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben. Denn wir gehören zu Christus Jesus! 7So wollte Gott für alle Zukunft zeigen, wie unendlich reich seine Gnade ist: die Güte, die er uns erweist, eben weil wir zu Christus Jesus gehören. 8Denn aus Gnade seid ihr gerettet –durch den Glauben. Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk. 9Er gibt es unabhängig von irgendwelchen Taten, damit niemand darauf stolz sein kann. 10Denn wir sind Gottes Werk. Aufgrund unserer Zugehörigkeit zu Christus Jesus hat er uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun. Gott selbst hat es im Voraus für uns bereitgestellt, damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Liebe Gemeinde!

Pfarrer Meyrer in Ahrweiler und viele andere in den Katastrophengebieten am Rhein oder um das Mittelmeer herum erleben in diesen Tagen besonders die Grenzen des Machbaren. Da kommt ein Vater zu Pfarrer Meyrer und meldet einen Beerdigungstermin an. Seine Tochter ist ertrunken in den Fluten. Die Beerdigung soll auf dem kirchlichen Teil des Friedhofs sein, aber ohne Messe und ohne Pfarrer. Weit weg ist da das Loblied auf Gottes Barmherzigkeit und Liebe, das ich gerade gelesen habe. Für den Vater ist alle Hoffnung wie weggespült. Pfarrer Meyrer respektierte den Wunsch des Vaters. Ein Akt der Demut. Vielleicht für den Vater auch ein Zeichen von Barmherzigkeit, dass der Pfarrer seinen Wunsch respektierte. Dieser mischte sich als Trauernder unter die anderen.

Martin Luther hat manche seiner Gedanken gerade auch aus unserem Predigttext geschöpft: Allein aus Gnade sind wir gerettet durch den Glauben ohne eigene Vorleistungen. Doch Luther erlebte immer wieder, wie sein Glaube angefochten war. Einmal verließ er tagelang sein Zimmer nicht und arbeitete nicht mehr. Er verweigerte das Essen. Käthe konnte ihren Mann nicht mehr erreichen und aufmuntern. Er, der viel über die Kraft des Glaubens geschrieben hatte, fühlte sich von Gott verlassen. Der Morgensegen ließ ihn kalt. Das Glaubensbekenntnis stärkte nur seine Zweifel. Wie soll es weitergehen? Die Welt erschien ihm trist, alles wirkte aussichtslos. „Der Teufel spielt mit meiner Seele Fangen“, so sagte er einmal zu den Anfechtungen, die er durchmachte. Käthe war lange ratlos. Schließlich kam ihr eine Idee. Sie zog sich ein schwarzes Trauerkleid an und betrat die düstere Stube ihres Mannes. Als Martin sie sah, erschrak er und fuhr hoch. Ängstlich fragte er: „Wer ist gestorben?“ Käthe antwortete: „Gott ist gestorben.“ „Du machst Witze“, antwortete Martin. „Und du tust so, als sei Gott nicht mehr lebendig, sondern gestorben!“ Darauf Martin: „Aber Käthe, wie sollte Gott sterben?“ „Warum machst du dir dann ständig Sorgen? Warum betest und singst du nicht mehr? Warum grübelst du und lässt den Kopf hängen? Du lebst, als sei Gott für dich tot“, antwortete Käthe schlagfertig. Da musste Martin lachen und er besann sich.

Liebe Gemeinde! Es gibt Zeiten, da brauchen wir Schwestern und Brüder an unserer Seite, die uns neuen Mut machen, die als Boten Gottes die Glut des Glaubens in uns neu entfachen und die Anfechtung überwinden helfen. Was für eine Gewissheit: Wir gehören zu Christus. Wir haben Anteil an seinem Tod und seiner Auferstehung.

Im Abendmahl dürfen wir das spüren und schmecken. Gott verlässt uns nicht. Er wendet sich uns zu in Liebe und Barmherzigkeit. Er macht uns zum Dienen bereit. Zu guten Werken, die er zuvor bereitet hat. Er erfüllt uns mit echter Demut, die ihm vertraut.

Lassen wir uns rufen und einladen durch seine große Liebe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

 

Gebet:

Barmherziger Gott, du weißt, wie es um uns steht, du kennst unsere Gedanken von ferne und bist uns doch auf geheimnisvolle Weise nahe.

Schenk uns die Gewissheit deiner Güte und Barmherzigkeit immer wieder neu und führe uns heraus aus Anfechtungen, Zweifeln und Fragen.

Gib den von Flut und Waldbränden Betroffenen Mut und Kraft zum Neubeginn und zur Verarbeitung der erlittenen Not.

Schenke uns einen klaren Blick für das, was du von uns erwartest.

Bewahre uns davor, Gutes und nur gut Gemeintes zu verwechseln.

Schenke uns Kraft, das Nötige zu tun und das Unabänderliche zu anzunehmen.

Schenke uns Ruhe in unserer Rastlosigkeit.

Schenke dich uns neu in Brot und Wein.

Das bitten wir in Jesu Namen.