Gedanken aus Papua Neuguinea zu Erntedank

Lewis im Garten, Logaweng
Bildrechte: Hans Gernert

Erntedank

Gedanken von Pfarrerin Annegret Cramer, Mitarbeiterin von Mission EineWelt in Logaweng in Papua Neugeuinea

Ein Student begann seine Predigt in der morgendlichen Andacht mit einer Frage: „Was ist nötig, um ein richtig gutes Essen zu kochen?“ Ich begann zu überlegen und hörte schon die Antwort aus dem Mund des Studenten. „Man muss ein gutes Stück Land roden und bepflanzen. Man hat viel Arbeit damit Unkraut zu jäten. Man muss beten, dass Gott zur rechten Zeit Sonne und Regen schenkt. Wenn man ein Huhn oder gar ein Schwein essen will, muss man sich gut um die Tiere kümmern. Schließlich braucht man noch Feuerholz. Nur so kann man ein richtig gutes Essen für seine Familie bereiten.“

Ich weiß gar nicht mehr genau, wohin dieser Predigteinstieg führte. Ich bin bei dem Gedanken hängen geblieben, dass meine Antwort auf die gestellte Frage so ganz anders ausgesehen hätte als die Antwort der Menschen hier. Wir denken nicht gleich daran, wo unsere Lebensmittel eigentlich herkommen und wer sie im Schweiße seines oder ihres Angesichts gepflanzt und geerntet hat. Wir schicken auch keine bangen Gebete zum Himmel, weil es schon viel zu lange regnet und die Süßkartoffeln in der Erde zu faulen drohen und die ganze Mühe dann umsonst war. Erst recht nicht hungern wir manchmal.

Manchmal kommen Studenten auf dem Weg aus ihrem Garten bei unserem Haus vorbei und bringen uns ein Stück Zuckerrohr, Mais, eine Süßkartoffel oder etwas Blattgemüse. Das ist dann ein Teil der ersten Ernte, der traditionell mit anderen geteilt wird. Aber auch sonst wird hier oft geteilt. Da ist eine Bananenstaude reif, und jedes der Kinder, das gerade herum springt, bekommt ein Stück dieser Köstlichkeit. Manchmal wird mit dem Essen aber auch gegeizt, gerade wenn eben nicht viel da ist. Der Gang in den Supermarkt steht dann nicht jedem einfach offen, da eben auch das Bargeld ein knappes Gut ist.

Als Kind habe ich in meiner Heimatgemeinde einmal im Jahr am Erntedankgottesdienst selbst ein Körbchen mit Obst oder Gemüse beim Altar abgelegt. Es war ein schönes Bild, die Fülle und Vielfalt unseres Essens so abgebildet zu sehen.

Hier begegnet mir diese Tradition wieder und ich erlebe sie hier tiefer und existentieller. Allerdings nicht nur einmal im Jahr. Vor zwei Wochen wurden im Gottesdienst Lebensmittel und Geld für die Familie unseres kürzlich verstorbenen Fahrers gesammelt. Seife, Salz, Taroknollen, Bananen, Reis, eine Ananas, ein ordentlicher Berg wurde beim Altar niedergelegt. Die Familie kann es jetzt brauchen. Sie sind in letzter Zeit nicht in den Garten gegangen, und essen müssen sie trotzdem.

Finden große Veranstalten in der Kirche statt werden selbstverständlich Lebensmittel zusammen getragen. Irgendwo muss das Essen für viele Menschen ja her kommen. Zweimal im Jahr machen sich die Frauen des Seminars zu einem „Wok Sori“(diakonischer Einsatz) ins Krankenhaus oder ins Gefängnis auf. Auch hier werden Lebensmittel, Seife und Feuerholz gesammelt und an die betroffenen Personen verteilt. Die Kranken müssen sich selbst versorgen oder Angehörige mitbringen, die dies übernehmen. Wer die Arbeit kennt, die in einem großen Bündel Feuerholz steckt, weiß diese Geste unserer Frauen sehr zu schätzen.

Die Menschen geben hier häufig nicht aus der Fülle heraus, sondern sie teilen, was sie selbst gut gebrauchen könnten und was sie mit ihrer eigenen Hände Arbeit erzeugt haben. Ich denke, manche handeln so, weil das gegenseitige Teilen auch der eigenen Absicherung dient. Wenn ich einmal selbst krank werde, oder in eine Notsituation gerate, werden andere auch an mich denken und es mir gleich tun. Ich denke aber, dass viele Menschen hier tatsächlich eine tiefe Dankbarkeit Gott gegenüber kennen, der sie versorgt, der die Pflanzen wachsen lässt, von dem alle Fruchtbarkeit und Fülle her kommt. Wie es in einem Lied von Matthias Claudius heißt, das aus einer Zeit stammt in der auch bei uns das Essen nicht einfach aus dem Supermarkt kam: „Wir pflügen und und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand: der tut mit seinen Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn.“