Gehen oder Bleiben? Diese Frage gehört von Anfang an mit zur "Jesusbewegung". Ein reicher Jüngling tut sich schwer, Jesus zu folgen. Die Jünger fliehen alle, als Jesus verhaftet wurde. Jesus selbst fragte seine Jünger: "Und ihr, wollt ihr auch weggehen?“ (Joh 6,67) Gehen oder Bleiben! Diese Frage war auch gegen Ende des 1. Jahrhunderts in den "johannäischen Gemeinden", auf die das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe im Neuen Testament zurückgehen, virulent. Es gab Konflikte mit den jüdischen Gemeinden und mit dem römischen Reich. Wie sich entscheiden, wenn das Bekenntnis zu Jesus Christus zu Problemen im täglichen Leben führt, zu Verspottung, Ausgrenzung oder gar Repression?
Es fällt auf, dass das Wort "bleiben" ungewöhnlich oft im Johannesevangelium vorkommt, so auch im 15. Kapitel:
Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
Gehen oder Bleiben? – Das war die bedrohliche Frage damals in der Gemeinde des Johannes. Gott sei Dank erfahren wir als Christen in unserem Land heute keine äußere Bedrohung.
Doch auch in unseren Gemeinden fragen sich viele, ob sie die Kirche verlassen oder dabeibleiben sollen.
Jedes Jahr erklären auch in unserer Pfarrei Rehweiler einige Mitglieder ihren Austritt. Sie sind vielleicht zugezogen und finden keinen Bezug. Oder sie haben den Kontakt zur Kirchengemeinde schon länger verloren. Der Glaube ist irrelevant geworden. Oder sie haben sich weltanschaulich anders orientiert. Oder sie sparen sich die Kirchensteuer. Gehen oder bleiben?
Einer meiner Lehrer in Tübingen (Karl Ernst Nipkow) hat einmal untersucht, wie es mit dem Gottesbezug und mit der Gotteserfahrung im Lebenslauf aussieht. Auch da stellt sich immer wieder diese Frage: Gehen oder bleiben? Ich versuche das kurz zu umreißen.
Der Glaube wird Kindern entweder vermittelt oder nicht.
Ohne Vorbilder, ohne Begegnung mit der Glaubenstradition, ohne ein Heranführen an heilige Orte, Texte und das Beten wird ein Kind nicht in eine Beziehung zu Gott kommen.
Der religiöse Brunnen, die religiöse Bilderwelt bleibt verarmt, wenn ein Kind keine Geschichten über Gott hört. „Gib deinem Kind die Chance, seine Seele zu entdecken“, so werben wir dafür, Kindern den Raum für spirituelle Erfahrungen, Glauben und innere Stärke zu öffnen.
Mir tut es weh, dass es zurzeit keinen Kindergottesdienst gibt.
Da gab es schon bessere Zeiten in unseren Kirchengemeinden.
Ich hoffe und bete, dass das Bedürfnis in den Familien wieder wächst.
Immerhin: Heute lädt die LKG zu einem Familiengottesdienst ein. Nächsten Sonntag feiern wir wieder einen Mini-Gottesdienst. Wir hatten am Palmsonntag auch einen gut besuchten Familiengottesdienst. Aber da ist noch viel Luft nach oben, auch bei der Bereitschaft mitzuarbeiten.
Kinder haben einen angelehnten Glauben. Sie orientieren sich besonders an ihren Eltern, auch an Lehrern und anderen Vertrauenspersonen.
Wenn sie in die Pubertät und ins Jugendalter kommen, wird der Kinderglaube hinterfragt. Das ist normal und gehört zur Entwicklung und Reifung dazu. Nipkow hat vier Einbruchstellen herausgefunden, wo sich der Glaube vertiefen kann oder wo junge Menschen den Glauben an Gott verlieren können. Das Ja und das Nein zu Gott, das Bleiben oder das Gehen, hängt an denselben Sachverhalten.
1. Die Theodizee-Frage. Warum lässt Gott das Leid zu, wenn er doch ein Gott der Liebe ist? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir mit dieser Frage intellektuell nie fertig werden.
Die Enttäuschung über Gott, weil er scheinbar nicht geholfen hat, führt zum Verlust des Glaubens. Doch auch das Gegenteil ist möglich, dass Menschen sagen: Gerade im Leid habe ich Gott erfahren. Er gab mir Kraft. Er hat mich nicht verlassen. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
2. Der zweite Sachverhalt ist die Frage nach Anfang und Ende: Wo kommt das Leben her, wo kommt es hin. Wie kriege ich die wissenschaftliche Erklärung über die Entstehung der Welt und des Lebens mit den biblischen Schöpfungserzählungen zusammen?
Ein Leben nach dem Tod? Wie soll das aussehen? Usw.
Gehen oder Bleiben?
Unbeantwortete Fragen hinsichtlich Anfang und Ende der Welt, von Leben und Tod, sind die zweite Einbruchstelle für den Verlust des Gottesglaubens. Umgekehrt ist die gegenteilige Erfahrung ein weiterer Grund für das Festhalten an Gott.
3. Der dritte Sachverhalt ist die Frage, ob der Glaube an Gott nicht doch nur eine Einbildung ist. Wir machen uns doch alle unser persönliches Bild von Gott. Stimmt denn dieses Bild überhaupt?
In der Fachoberschule war das öfter ein Thema. Da sagten Schülerinnen: Auch wenn der Glaube nur eine Einbildung ist, er hilft doch und tut der Oma gut. Wer am Glauben zweifelt, weil er denkt, dass alles nur eine Fiktion, eine Einbildung ist, der kann mit dem Verstand nicht von diesem Zweifel abgebracht werden. Nur durch eine lebendige Erfahrung Gottes kann dieser Zweifel überwunden werden.
Gehen oder Bleiben – das liegt dann nicht mehr in der eigenen Entscheidung.
4. Schließlich verlieren nicht wenige ihr Vertrauen zur Kirche durch ein unglaubwürdiges Verhalten von Christen oder der Kirche als Institution. Zu einer negativen Erfahrung werden dann alle verwerflichen Dinge aus der Kirchengeschichte aufgezählt: Kreuzzüge, Ketzerverfolgung, Hexenverbrennungen, Höllenangst, Glaubenskriege, Machtmissbrauch usw. Zur Wahrheit gehört aber beides: Ja, die Kirche ist nicht frei von Schuld und Versagen. Aber sie ist auch ein Ort und Hort des Glaubens. Ohne die Gemeinschaft mit anderen Christen trocknet der Glaube ein. Oder um im Bild zu bleiben: die vom Weinstock getrennte Rebe verdorrt.
Erwachsene stehen vor der Aufgabe, mit diesen und anderen Widersprüchen glauben und leben zu lernen. Im Glauben wachsen wir in dem Maß, wie es uns gelingt, die Zweifel des Jugendlichen und das Vertrauen des Kindes ins Leben zu integrieren.
Dann schlägt das Pendel in Richtung Bleiben aus.
Dann kann ich angesichts offener Fragen sagen und beten:
„Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich…“
„Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“
Bleiben oder gehen – ist das überhaupt unsere Entscheidung?
Nicht ganz. Denn Christus sagt: Ohne mich könnt ihr nichts tun.
Der Glaube kommt aus dem Hören auf die Stimme Jesu. Er spricht uns zu: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“
Jesus bindet sich mit uns im Bild vom Weinstocks und den Reben zusammen. Er will uns nähren, stärken und dazu verhelfen, dass unser Leben Früchte und Gutes hervorbringt. Nicht aus uns selbst. Sondern durch ihn, der sagt: Ohne mich geht es nicht.
Bleiben oder gehen? Bleibt in mir und ich in euch… Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.
Die Worte aus dem Johannesevangelium und die Lieder in diesem Gottesdienst ermutigen uns dazu, an Jesus dranzubleiben. Mit ihm verbunden zu bleiben. Gut, wenn wir von Herzen einstimmen können:
- Bei dir, Jesu; will ich bleiben.
- In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! An dir wir kleben im Tod und Leben.
- In der Verbindung mit Christus haben wir Teil an seinem neuen Leben, am ewigen Leben. Das Bleiben lohnt sich.