Landesbischof Kopp würdigt Pfarrer Walter Joelsen zu seinem 100. Geburtstag als Zeugen der Menschenfreundlichkeit - Mit einem Festabend zum 100. Geburtstag erinnerten am Montag, 15. Juni 2026, Kirche, Familie und Wegbegleiter an den 2023 verstorbenen Holocaust-Überlebenden, Pfarrer und Zeitzeugen Walter Joelsen. Christian Kopp, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) würdigte dabei dessen Vermächtnis als bleibenden Auftrag für Kirche und Gesellschaft. Joelsen stehe bis heute für Menschenwürde, Menschenfreundlichkeit und den Einsatz gegen Antisemitismus, sagte Kopp in der Münchner Christuskirche. Sein Leitsatz „Mein Name ist Mensch“ bringe die Überzeugung zum Ausdruck, dass kein Mensch auf Herkunft, Religion oder Abstammung reduziert werden dürfe.
„Mithassen war keine Option für Joelsen. Er war für das Mitlieben.“
In seiner Ansprache hob Kopp hervor, dass Walter Joelsen trotz seiner Erfahrungen nie verbittert geworden sei. „Joelsen hat erfahren, wie schnell Menschen anfangen, andere auszugrenzen und zu hassen. Mithassen war keine Option für ihn. Er war für das Mitlieben“, sagte der Landesbischof. Aus seinen Erfahrungen habe Joelsen eine Haltung der Menschenfreundlichkeit, Aufmerksamkeit und Geschwisterlichkeit entwickelt. Er habe Menschen zusammengeführt, junge Menschen ermutigt und von einem Gott erzählt, der Menschen nicht loslasse. Gerade weil Joelsen erfahren musste, wie Menschen andere ausgrenzen, beschämen und auf ihre Herkunft reduzieren, habe er daran festgehalten, dass die Würde eines Menschen nicht von anderen verliehen werde, sondern von Gott. Kopp erinnerte daran, dass Joelsen aus dem biblischen Zuspruch „Du bist mein“ gelebt habe. Daraus habe sich seine Überzeugung entwickelt, die er später in den Satz fasste: „Mein Name ist Mensch.“
Walter Joelsen - ein Leben zwischen Ausgrenzung und Zugehörigkeit
Walter Joelsen wurde am 15. Juni 1926 in München geboren. Als Jugendlicher wurde er während der NS-Zeit aufgrund seiner jüdischen Herkunft ausgegrenzt und verfolgt. Besonders die Erfahrungen nach den Novemberpogromen 1938 prägten ihn. Weil er nach der nationalsozialistischen Ideologie als „Halbjude“ galt, verlor er Freunde, wurde isoliert und später vom Schulbesuch ausgeschlossen. Halt und Gemeinschaft fand er in der evangelischen Jugendarbeit der Christuskirche München-Neuhausen. Nach seinem erzwungenen Ausscheiden aus dem Gymnasium wurde er dort 1943 als Hilfsjugendwart angestellt. Von Oktober 1944 bis März 1945 war er zur Zwangsarbeit in verschiedene Lager nach Thüringen verschleppt. Nach dem Krieg holte Joelsen das Abitur nach, studierte evangelische Theologie und wirkte später als Pfarrer, Studentenpfarrer, Religionslehrer und Redakteur. In seinen späteren Lebensjahren engagierte er sich intensiv als Zeitzeuge und war der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau eng verbunden.
Christuskirche als Ort der Rettung während der NS-Zeit
Kopp erinnerte daran, dass Joelsen die Rolle der Kirche während der NS-Zeit differenziert betrachtete. Die Christuskirche sei für ihn zu einem Ort der Gemeinschaft und des Überlebens geworden. Zugleich habe er immer wieder benannt, dass viele Christinnen und Christen gegenüber der Verfolgung jüdischer Menschen geschwiegen hätten. „Die christliche Gemeinde war Rettung in schwerer Zeit“, habe Joelsen rückblickend gesagt. Zugleich habe er daran erinnert, dass es „wenige, viel zu wenige“ gewesen seien, die öffentlich gegen das Unrecht aufgestanden seien. Trotz persönlicher Verletzungen und eigener Erfahrungen mit Antisemitismus auch nach 1945 sei Joelsen seiner Kirche verbunden geblieben. Er habe darauf vertraut, dass Gottes Geschichte mit den Menschen größer sei als menschliches Versagen.
Vermächtnis für Gegenwart und Zukunft
Mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen betonte Kopp die bleibende Aktualität von Joelsens Botschaft. Die Versuchung, Menschen nach Herkunft, Religion oder Zugehörigkeit einzuteilen, sei nicht überwunden. Umso wichtiger sei es, Ausgrenzung entgegenzutreten und die Würde jedes Menschen zu verteidigen. „Vergesst dieses wunderbare geschwisterliche Wort nicht: Mensch“, zitierte Kopp eine Mahnung Joelsens. Sein Lebenszeugnis erinnere daran, dass Menschenfreundlichkeit, Solidarität und die Achtung der Menschenwürde keine Selbstverständlichkeit seien, sondern immer wieder neu gelebt und verteidigt werden müssten.
Neben der Ansprache des Landesbischofs erinnerten Angehörige, Jugendliche und Wegbegleiter an Walter Joelsen. Gisela Joelsen stellte die neue biografische Publikation über ihren Vater vor: „Einer unter uns ist anders. Walter Joelsen - Kindheit und Jugend unterm Hakenkreuz“, herausgeben von Dekan Dr. Bernhard Liess und Pfarrer Dr. Björn Mensing im Auftrag der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Schülerinnen des Wittelsbacher Gymnasiums, das Walter Joelsen bis zu seinem Ausschluss während der NS-Zeit besucht hatte, sowie ehemalige Teilnehmende seiner Zeitzeugengespräche im Rahmen der Evangelischen Jugend München berichteten von ihren Begegnungen mit ihm und der Bedeutung seiner Botschaft für die Gegenwart. Veranstaltet wurde der Erinnerungsabend von der Christuskirche München-Neuhausen, der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau sowie dem landeskirchlichen Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog, Pfarrer Dr. Axel Töllner.
München, 15. Juni 2026
Christine Büttner, Pressesprecherin