Saures wird süß - Predigt von Hans Gernert über Ez. 2-3 am 8.2.2026

Bevor ich den Predigttext Ezechiel 2 und 3 lese, will ich kurz hinführen. Ezechiel war ein Priester aus Jerusalem. Er gehörte zur ersten Gruppe der 598 v. Chr. unter König Nebukadnezar II. nach Babylon verschleppten Israeliten und wohnte in der Nähe von Babylon. Dort begann er im Alter von 30 Jahren sein prophetisches Wirken und trat für den Glauben an den einen Gott „Jahwe“ ein. Insgesamt wirkte er 22 Jahre als Prophet im babylonischen Exil. Ezechiel gilt als Vater der priesterlichen Theologie. Für die Diasporagemeinde spielte er eine wichtige Bedeutung. In Israel oder Juda selbst trat er nie auf.
Im 1. Kapitel schildert Ezechiel eine Vision vom himmlischen Thronwagen Gottes, der von vier geflügelten Cherubim getragen und bewegt wird. Sie haben alle vier Gesichter: Vorn wie ein Mensch, rechts wie ein Löwe, links wie ein Stier, hinten wie ein Adler. Nebenbei: Der Kirchenvater Hieronymus ordnete im 4. Jh. n. Chr. jedes dieser vier Gesichter jeweils einem Evangelisten zu „Matthäus = Mensch, Markus = Löwe, Lukas = Stier und Johannes = Adler.) Die Lichtphänomene am Himmel, die Ezechiel in seiner Vision beschreibt, bringen manche Ausleger mit dem Erscheinen von Polarlichtern in Verbindung. 
Im 2. Kapitel beginnt Gott zu sprechen. Er bereitet Ezechiel auf sein Wirken als Prophet vor. Dies wird keine einfache Aufgabe sein, denn seine Landsleute werden sich als unempfänglich und widerspenstig erweisen. Höhepunkt des Predigttextes ist es, dass Gott dem Propheten sein Wort in den Mund legt. In seiner Vision sieht Ezechiel, wie Gott ihm eine Buchrolle hinhält, die innen und außen beschrieben ist, d.h. nichts als Wort Gottes. Dies Buchrolle verspeist Ezechiel wie einen gerollten Pfannkuchen. Über das Material der Buchrolle – Leder oder Papyrus – wird kein Wort verloren. Vielmehr schmeckt dem Propheten die Schriftrolle wie eine stärkende, süße Speise. Umgangssprachlich sagen wir, dass man Bücher verschlingen kann. Das Buch des Propheten Ezechiel will so verstanden werden. Ich lese Ez. 2 bis 3,3:

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Da kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!« Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten. 
Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

Liebe Gemeinde!
Über Jahrzehnte hinweg muss Ezechiel seine Volksgenossen und seine Glaubensgeschwister immer wieder mit unangenehmen Wahrheiten konfrontieren. Er kann nicht anders. Als Gott zu ihm spricht, verstummt er erst einmal eine Zeitlang. Er bleibt sprachlos. 
Und Gott füttert ihn buchstäblich mit Worten, die gesagt werden müssen. Klageworte. Weh-und-Ach-Worte. Unaussprechliches. Alles was Ezechiel vielleicht schon beobachtet, geahnt, gedacht hat, das formt sich zu Worten. Es geht körperlich zur Sache. Ezechiel soll sich auf die Füße stellen, d.h. bereit sein für seine Sendung. Er soll sich die Worte Gottes körperlich einverleiben. Die Worte sollen eins werden mit seinem Kopf, mit seinem Herzen und mit seinem ganzen Verhalten.
Die Wahrheit, die Ezechiel aussprechen soll, tut weh. Sie besteht aus Klage, Ach und Weh. Wahrlich keine leichte Aufgabe. Die Situation der Verbannten ist aber auch schwierig. Dazu passen keine Schön-Wetter-Reden. Unangenehme Wahrheiten will man ungern aussprechen. Politiker fürchten um Wähler. In einer Beziehung kann Angst vor Zurückweisung und Ablehnung dazu führen, dass man Unangenehmes unter den Teppich kehrt…

Ein Großvater lag auf dem Sterbebett und sagte zu seiner Frau: „Wir hatten doch eine gute Ehe.“ Und sie antwortete: „Aber nur, weil ich die ganze Zeit den Mund gehalten habe.“ 
Als das in der Familie die Runde machte, sagten die Enkel: „Wie stark, Oma nutzt ihre letzte Chance!“ 
Ihre Kinder sagten allerdings: „Warum hat sie das nicht schon eher gesagt, uns wäre viel erspart geblieben mit diesem harten Knochen. Dann hätte es für alle besser werden können.“ 

Ja, es ist wohl so: Kritik ist gefährlich. Sie verändert. Kritik muss man kauen dürfen, bevor man sie schluckt und verdaut. Dann kann sie im Nachgeschmack süß sein, auch wenn sie vorher nur Klage, Ach und Weh war.

Ein bitteres Wort, das zum Leben ruft, und doch wie Honig schmeckt. Die Beziehungsansage. Die Kündigung. Das Eingeständnis einer Sucht. Und was nicht noch. 
Zunächst ein Schock und dann führt es zu einem passenderen Leben mit besseren Bedingungen. 
Sich die Wahrheit einzugestehen und zuzulassen ist schwer, aber es ist der erste Schritt zum Besseren. 
Das Bittere wird dann Teil meiner Person, meiner Identität. 
Das, was ich für ungenießbar hielt, wird meine Schriftrolle, die ich esse. Die ich nicht nur höre, nicht nur verstehe, sondern verinnerliche, verkörpere. Ganz und gar. Mit allen Sinnen. Mit Leib und Seele. 
Ja, das Unangenehme gehört auch zu mir. 
Diese Wahrheit dringt tief ein, bis sie Teil von mir wird, Teil auch des Leibes.
Nicht jeder kann die Wahrheit über sein Leben an sich heranlassen.
Dem Propheten Ezechiel wird dazu klargemacht: Wenn die Menschen Gottes Wort hören, dann gehorchen sie oder sie lassen es.
Die, die gehorchen wie Ezechiel, machen eine gute Erfahrung.
Sie erfahren: Was zunächst unbequem erscheint und scheußlich schmeckt, bringt Leben, heilt und lässt gut weitergehen.

Die Konfirmanden sind gerade auf der Suche nach ihrem Konfirmationsspruch. Auch der ist dazu gedacht, dass er sich einprägt, dass er einverleibt wird und sich als nahrhaft erweist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschliche Verstehen, bewahre eure Gedanken und Gefühle in der Gemeinschaft mit Jesus Christus.