Richtfest des Glaubens - Predigt am Karfreitag

Der letzte Nagel ist ins Holz getrieben. Die schweren Holzbalken sind aufgerichtet. Im Winde wehen feierlich die bunten Schleifenbänder des Richtkranzes und der Zimmermann tritt vor, um feierlich seinen Richtspruch zu sprechen. 
Es ist bzw. war ein guter Brauch beim Bau eines neuen Hauses die Errichtung des Dachstuhls mit einem Richtfest zu feiern. Das Richtfest markiert dabei den Höhepunkt der Bauarbeiten, an dem das Wesentliche geschafft ist. Obwohl die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen sind, halten Bauherrn und Bauleute inne und feiern den Moment.
An Karfreitag erinnern wir uns an den Tod Jesu am Kreuz. Wir halten inne und blicken auf das aufgerichtete Kreuz Jesu. Anders als ein Richtfest mit buntem Richtkranz ist der Karfreitag ein schmuckloser Tag. Doch ist er so etwas wie das Richtfest des Glaubens.

Der Richtspruch
Für viele evangelische Christen gilt der Karfreitag als der heiligste aller christlichen Feiertage. Das Folterinstrument des Kreuzes wurde zum Heilszeichen für uns Christen. Gott hat Jesus nicht vor dem Tod gerettet, sondern durch den Tod hindurch. Dabei hat Gott selbst in Jesus gelitten. Er hat das ausgehalten. Er hält uns aus. Darin zeigt sich seine Liebe, die trotz allem, trotz unserer Sünde, zu uns hält.
Wie ein Dachstuhl wurde auch das Kreuz Jesu aus starken Holzbohlen gefertigt und aufgerichtet. Doch anstelle eines Zimmermanns, der in seinem Richtspruch dem Bau eine gute Zukunft wünscht, lassen wir den Apostel Paulus vortreten und hören auf seine Worte aus dem zweiten Brief an die Korinther (2. Kor. 5, 19-21):

Ja, in Christus war Gott selbst am Werk,
um die Welt mit sich zu versöhnen.
Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet
und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
Wir treten also im Auftrag von Christus auf.
Ja, Gott selbst lädt die Menschen durch uns ein.
So bitten wir im Auftrag von Christus:
Lasst euch mit Gott versöhnen!
Obwohl Christus ohne jede Sünde war,
hat Gott ihm unsere Sünde aufgeladen.
Denn durch die Verbindung mit Christus
sollen wir an Gottes Gerechtigkeit teilhaben.

Es geht auch ohne
Liebe Gemeinde!
Wo stehen wir heute? „Ohne Gott lässt es sich doch auch leben.“ 
Diese Erfahrung ist noch gar nicht so alt, doch prägt sie das Leben vieler Menschen in unserer Gesellschaft. Der erarbeitete Wohlstand, die technischen Errungenschaften und der digitale Fortschritt haben den Menschen nie dagewesene Möglichkeiten eröffnet und die Erfahrung hervorgebracht, dass es keinen Glauben an einen Gott braucht, um es in seinem Leben zu etwas zu bringen. Beruflicher Erfolg, eine Familie, eine gepflegte Nachbarschaft, all das ist auch ohne Gott möglich.
Mit dem Blick auf die Fortschritte in Wissenschaft und Technik und Selbstoptimierung auf der einen Seite, schwand auf der anderen Seite der Blick auf das Göttliche. Je mehr der Mensch aus eigener Kraft schaffen konnte, desto weniger brauchte er Gott, der sich dem Zugriff des Menschen entzieht.

Aufgewacht
Nach dem Rausch der Selbstverwirklichung, in den Fortschritt und Wohlstand geführt haben, wacht die Welt langsam auf und erkennt sich nicht wieder.
Dem Hochmut verfallen, der den Menschen nach Göttlichkeit streben lässt, missbrauchen einige Wenige ihre Macht, um andere zu demütigen. Sie zwingen den Massen ihr Weltbild auf und diejenigen, die Widerworte haben, drohen sie mit Repressionen oder sperren sie gleich ganz ein.
Die Gesellschaft spaltet sich immer weiter auf und die Gräben, die die unterschiedlichen Lager voneinander trennen, werden immer breiter.
Jeder will allein Recht haben. Die Sicht und die Argumente des anderen zählen nicht.
Mehr und mehr kommen auch die negativen Auswirkungen zum Vorschein, die durch eine unkritische Nutzung der sozialen Medien entstehen.
Der Rausch menschlicher Selbstverwirklichung hat aber nicht nur das gesellschaftliche Miteinander verändert. Auch die Schöpfung ächzt unter den Folgen menschlicher Selbstverwirklichung. 
Die Konsumsucht und Maßlosigkeit zerstören unsere Lebensgrundlagen.
Vor alldem verschließen viele Menschen ihre Augen und begegnen den Nöten der Zeit mit einer Gleichgültigkeit, die sie wie eine Mauer von ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt trennt. Solange es ihnen selbst noch gut geht, sehen sie keinen Grund etwas zu ändern.
Der Mensch hat Wege betreten, die ihn von Gott entfremdet haben. Diese Entfremdung wird klassisch als Sünde bezeichnet, als Trennung von Gott und Mensch. Der scheinbar aufgeklärte Mensch meint, es auch ohne Gott hinzubekommen.

Wort der Versöhnung
Paulus schreibt, dass Gott in Christus selbst am Werk war, um die Welt mit sich zu versöhnen und den Menschen ihre Sünden nicht anzurechnen. In Christus hat Gott unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet.
Schon wieder begegnet uns der Begriff aufrichten. 
Diesmal sind keine Holzbalken gemeint, die aufgerichtet werden, sondern ein Wort. Gott hat das Wort der Versöhnung aufgerichtet.
Versöhnung liegt nicht im Trend. Zwar sind Forderungen danach immer mal wieder zu hören, doch bleibt es in den vielen Konflikten der Welt meistens bei den Forderungen. Die Fronten sind vielerorts so verhärtet, dass der Weg von einer Eskalation in die nächste führt.
Versöhnt sein meint, miteinander in Frieden zu leben, nicht zu streiten und einander zuzuhören. Paulus schreibt: In Christus hat Gott die Welt mit sich selbst versöhnt.
Doch geht diese Nachricht in der Nachrichtenflut über neue Eskalationen schnell unter. Der Streit mit Gott ist geschlichtet und der Weg der Versöhnung steht für alle Menschen offen. Für diese Nachricht ist im turbulenten Tagesgeschehen kein Platz. 
Und doch birgt diese scheinbare Nebensächlichkeit die Kraft, sich auf den Weg der Versöhnung zu machen.

Ein neuer Weg
Karfreitag ist das Richtfest des Glaubens. Gott hat das Wesentliche bereits getan. Das Kreuz ist aufgerichtet und mit ihm das Wort der Versöhnung. Das Wort von der Versöhnung erreicht uns in Form einer Bitte. Lasst euch mit Gott versöhnen!
Gott übt keinen Zwang aus, keine Gewalt. Er lädt ein zur Versöhnung. Eine Bitte kann man ausschlagen. Aber ob das gut ist? Wohin Unversöhnlichkeit führt, bekommen wir täglich vor Augen geführt.
Es braucht Mut zum ersten Schritt. Es braucht Mut, offen aufeinander zuzugehen, Fehler einzugestehen und für ein versöhntes Miteinander einzutreten. Gott ist die Quelle für diesen Mut. Er macht es uns vor. Er reicht uns die Hand zur Versöhnung.

Botschafter der Versöhnung
Das Wesen eines Richtfestes ist, dass das Wesentliche getan ist, aber die Vollendung des Baues noch aussteht. 
Der Zugang zu Gott ist durch den Kreuzestod und die Auferweckung Jesu von den Toten frei geworden. Doch hat sich die Versöhnung in der Welt noch nicht durchgesetzt.
Der Apostel Paulus stellt sich als ein Botschafter Christi vor. Es gehört zu seinem apostolischen Auftrag, die Versöhnung zu predigen und vorzuleben. Diesen Auftrag zu erfüllen ist die Aufgabe aller Getauften. Wir sind Botschafter der Versöhnung mit Gott. Zu diesem Auftrag gehört es Menschen aus der Gleichgültigkeit zu rufen, den Zorn, der so viele Menschen entzweit, zu überwinden, den Maßlosen ein Maß zu geben und die Hochmütigen Demut zu lehren.
Karfreitag ist das Richtfest des Glaubens. Aufgerichtet ist das Wort von der Versöhnung. Tragen wir es in unsere Welt, jede und jeder an seinem Ort.

Und der Friede Gottes, der all unser Verstehen übersteigt, bewahre eure Gedanken und Gefühle in der Gemeinschaft mit Jesus Christus.