201. Hagelfeiertag in Dürrnbuch am 10. Juli 2026

Der Hagelfeiertag hat hier eine lange Tradition und prägt auf seine Weise die Identität von Dürrnbuch mit. Während sich andernorts solch eine Tradition verflüchtigt hat, weil der Sinn nicht mehr empfunden wurde, ist es hier anders. Am Hagelfeiertag wird festgehalten.
Ich denke, dabei spielt nicht nur die Angst vor einem Hagelunwetter eine Rolle. Es ist auch ein Stück Dorfgemeinschaft, auch kommunale Gemeinschaft und ehemalige Schulgemeinschaft.
Und doch kommt die Angst vor Hagel auch heute noch in uns hoch, wenn sich ein Gewitter zusammenbraut. Man überlegt, ob das Auto in der Garage ist, ob die Fenster geschlossen sind und man schaut mit bangen Blicken hinaus, wenn es hagelt und die Ernte in Gefahr ist. Trotz Versicherung bleibt ein Verlust, ein Schaden, den man nicht will und braucht.
Binnen Minuten kann eine Ernte für ein ganzes Jahr zerstört werden. In früheren Jahrhunderten waren da oft Hunger und Not die Folge. Hagel und andere Wetterereignisse hatten Macht über Leben und Tod. Und die Menschen, die waren dieser Macht ausgeliefert. 
Mensch und Natur – die Karten waren klar verteilt. Die Natur ist mächtiger. Und ihr muss der Mensch widerstehen. 
Ein Wort wie „Naturschutz“ – undenkbar früher. Die Natur braucht doch keinen Schutz! Der Mensch braucht den Schutz vor der Natur! Und dabei braucht er Gottes Hilfe. Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der muss auf die Seite des Menschen gebeten und gebetet werden. 
Das ist der Grund für diese Tradition mit den Hagelgottesdiensten. 
Und es ist ein guter Grund! Was könnte daran falsch sein, sich an Gott zu wenden, wenn es doch um Leben und Tod geht?

Andererseits… Die Welt hat sich doch in den vergangenen 100 Jahren unfassbar verändert. Natürlich: Auch heute ist ein großer Schaden für keinen Betrieb leicht zu verkraften. Aber es gibt Versicherungen. Und wenn in einer Region ein Hagelgroßereignis ist – dann bricht deswegen keine Hungersnot aus. Wir sind heute ganz anders vernetzt. 
Im Gegenüber Mensch und Natur haben sich die Waagschalen verändert. Der Mensch beeinflusst die Natur in einem früher undenkbaren Ausmaß. Sogar das Wetter! Und zuallermeist ungewollt und sogar ungeahnt. 
Die Sache mit dem Klimawandel – dass das so schnell geht und solche Auswirkungen hat und wohl noch viel mehr wird: das wollten wir nicht. Dass das Wasser bei uns knapp wird. Dass in Deutschland durch den Klimawandel Dürrezeiten und Unwettergroßschadensereignisse zunehmen: Das wollten wir nicht und wollen wir nicht. 
Es fällt schwer, das einzusehen und auch noch Folgen daraus zu ziehen, aber wir müssen unsere Natur, unsere Heimat, unser Klima – kurz: Gottes Schöpfung schützen, weil wir darin und damit leben. Denn auch unsere Kinder und Kindeskinder sollen auf dieser Erde noch einen guten Ort zum Leben haben. Diesen Wunschgedanken kennen wir auch von politischen Verlautbarungen. Aber ist es nicht so, dass wir ihn immer mehr als Illusion empfinden beim Blick auf die Realitäten?

Der Metereologe Sven Plöger sagt angesichts der Hitze Ende Juni, dass das Physik ist. „Unsere derzeit kaum vorhandene Bereitschaft, längst beschlossene Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen umzusetzen, spielt für die Natur keine Rolle. Physikalische Prozesse geschehen einfach. Fertig, aus. Wenn wir zukünftigen Generationen eine ersprießliche Zukunft ermöglichen wollen, dann wäre diese Einsicht hilfreich.“ Plöger geht davon aus, „dass es zu immer mehr, immer extremeren und immer länger anhaltenden Hitzewellen kommen wird…“ „Europa ist der Kontinent, der sich derzeit am stärksten erwärmt… Der Juni 2026 wird im Rückblick wahrscheinlich einer der kühlsten Juni-Monate dieses Jahrhunderts gewesen sein… Wir müssen nicht panisch, sondern klüger werden… Jedes Zehntel Grad weniger beim Temperaturanstieg bringt enorm viel, da sich die Folgen der Klimaerwärmung nicht linear, sondern exponentiell auswirken. Die Analyse ist einfach: Ohne die Reduktion von Emissionen geht’s leider nicht.“
Bei der Vorbereitung dieses Gottesdienstes bin ich erstmals auf den Begriff „climate endgame“ gestoßen. 
Seit vier Jahren (2022) gibt es diesen Begriff in der wissenschaftlichen Forschung: „Climate endgame“, zu Deutsch „Klima-Endspiel“. Dabei werden extreme Szenarien des Klimakollapses durchgespielt. Untersucht werden unter anderem Kippelemente. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn das Tauen der Permafrostböden oder das Abschmelzen der Polkappen die Erwärmung unumkehrbar beschleunigen? 
Man reflektiert und kalkuliert durch, was geschehen kann durch weiträumige Ernteausfälle, Kriege um Ressourcen, Trinkwasserknappheit, Pandemien und den Zusammenbruch internationaler Versorgungsketten. Die Überlegungen gehen sogar bis hin zum Aussterben der Menschheit.
Der japanische Philosoph Kohei Saito hat vor kurzem ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus“. Auch er geht davon aus, dass wir es nicht schaffen, die Umweltzerstörung zu stoppen und die Klimakrise einzudämmen. Der Kapitalismus wirkt zerstörerisch. Die Erde heizt sich weiter auf, die globalen Spannungen nehmen zu. Die Ressourcen des Planeten werden ausgebeutet, während Tech-Milliardäre immer mehr Geld, Macht und Einfluss gewinnen. Wie sie damit umgehen, hat Elon Musk mit seiner Regierungsbeteiligung in den USA gezeigt. Wir haben erlebt, wie er sich auch in die deutsche Politik einmischt und die AfD unterstützt. Mit seinem Satellitensystem Starlink und seinem Kurznachrichtendienst X hat er ein Machtimperium aufgebaut. Saito warnt davor, dass der Menschheit am Ende eine Mischung aus Klima- und Technofaschismus drohe. Elon Musk und seine Mitstreiter verbreiten Lügen. Sie wollen nicht wirklich zum Mars, sie wollen auf der Erde überleben. In Neuseeland zum Beispiel. Der Technofaschismus teilt die Menschen letztlich in zwei Gruppen: diejenigen, die aufgrund ihres Reichtums gerettet werden können. Und diejenigen, die alleingelassen werden. 
Saito macht sich für einen anderen Ansatz stark, möglichst viele Menschen zu retten.
Um die Dramatik zu unterstreichen, fordert Saito eine Kriegswirtschaft und meint damit, dass es drastische staatliche Eingriffe braucht, um vom fossilen Kapitalismus wegzukommen. Der Konsum muss stark gedrosselt werden, um dauerhaft die Grundbedürfnisse zu sichern.
Wir haben so viele Dinge zerstört, wir werden sehr viel aufgeben müssen. Aber angesichts des drohenden ökologischen Zusammenbruchs setzt sich hoffentlich die Erkenntnis durch, dass wir eine neue Art von Gesellschaft erschaffen müssen. Eine Gesellschaft, die mehr auf Solidarität, Gerechtigkeit und Demokratie setzt. 
Liebe Gemeinde! Ich hoffe nicht, dass es nach dem Gottesdienst mit Kritik hagelt. Aber ich kann nicht umhin, denn der Hagelfeiertag löst bei mir dieses Nachdenken aus. Wir stehen an einem anderen Punkt als vor 200 Jahren. Wir dürfen die Augen nicht verschließen. Als Christen sind wir aufgerufen, uns vorzubereiten auf große Veränderungen und an einer Krisenresilienz zu arbeiten. 
Wir brauchen Gottes Hilfe. Und diesmal nicht so sehr dafür, dass Gott das Wetter zu unseren Gunsten beeinflusst. Wir brauchen Gottes Hilfe, um Solidarität einzuüben. 
Unser Beten hat sich geändert. Wir wissen: Schwere Gewitter und Starkregenereignisse werden wir nicht durch Beten verhindern. 
Wir bitten Gott vielmehr darum, dass er unser Herz und unseren Verstand lenkt. Uns gute Ideen gibt und Besonnenheit, wie wir in unserem Dorf, in unserer Region, in unserer Welt wirtschaften und leben können – nicht gegen die Natur, nicht auf Kosten anderer, sondern mit anderen zusammen. Und dass wir in Krisen zusammenhalten. Das ist für mich der neue Sinn des alten Hagelfeiertags. 
In der älteren Schöpfungserzählung ist der Sinn des Lebens, der Auftrag des Menschen, kurz und prägnant beschrieben, wie es besser nicht sein kann: Gott will, dass wir die Erde bebauen und bewahren.
Bebauen und bewahren. Beides gehört eng zusammen.
Dabei haben wir Christen seit jeher auf Gottes Beistand gehofft. Beten wir voller Vertrauen darum, dass Gott unser Herz, unsere Hände und unseren Verstand lenkt.

(Ulrich Jobst, Hans Gernert)