„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Diese Worte haben eine natürliche Anziehungskraft. Wer wirklich unter einer Last leidet oder unter einem Druck steht und nicht mehr zur Ruhe kommt, der horcht bei diesen Worten besonders auf.
Hat nicht die ganze Welt, hat nicht jeder von uns Veranlassung aufzuhorchen und dahin zu gehen, wo Erquickung, wo Auftanken angeboten wird?
Wer lebt denn mühelos?
Man kann Mühelosigkeit vortäuschen, aber dann wird das Leben noch mühevoller.
Wer lebt denn unbelastet? Man kann zwar Lasten abwälzen. Man kann andere ausnutzen. Aber man fällt dann in der Regel selber zur Last. Man wird von anderen als drückende Last mit herumgeschleppt.
Es gibt Vieles, was uns zur Last werden kann. Zukunftsängste. Prüfungsängste in der Schule. Fehlende Anerkennung. Mobbing. Probleme im Beruf. Beziehungskonflikte. Geldsorgen. Sorgen um Kinder. Sorgen um die Eltern. Sorgen, die den Schlaf rauben. Alter. Krankheit. Verlust. Vieles kann uns zur Last werden, kann einen Druck erzeugen, der uns das Leben zur Qual macht.
Doch man kann noch unter ganz anderem Druck stehen, der sich nicht so ohne weiteres beim Namen nennen lässt, weil er tiefer sitzt als das, was man sehen und dann auch benennen kann.
Das ist der unheimliche Druck, den wir uns selber machen.
Druck, mit dem wir uns selber unter Druck setzen.
Und kaum jemand ist vor dieser Gefahr gefeit.
Man kann sich unter Druck setzen durch Fehler oder Schwächen, durch Versagensängste. Die inneren Sätze, die inneren Treiber lauten dann so: Das schaffe ich nicht. Ich mache immer alles falsch. Keiner mag mich.
Das umgekehrte gibt es auch: Man setzt sich unter Druck durch ein Ideal, dem man nachjagt. Man will perfekt sein. Alles muss seine Ordnung haben. Die inneren Sätze, die inneren Treiber lauten dann so: Ich setze mich ein. Ich schaffe, bis alles fertig ist. Ich will anerkannt werden. Ohne mich geht es nicht. Usw.
Ja man kann auch unter dem Druck der eigenen Tugenden zu einem bedrückten Menschen werden. Pflichtbewusstsein kann uns ebenso niederdrücken wie Schuld.
Es ist bedrückend, helfen zu wollen, wo man doch nicht helfen kann.
Wir bedrücken uns selbst mit unerfüllbarer Sehnsucht: „Ach wär‘ ich doch so wie die! Ach, könnte ich das genauso wie der!“
Und wir bedrücken uns auch mit unerfüllbaren Forderungen, vielleicht auch mit einer überspannten Nächstenliebe.
Selbsterzeugter Druck macht müde.
Je länger man sich selbst – so oder so – unter Druck setzt, desto müder wird man. Man kann dabei todmüde werden. Diese Müdigkeit ist nicht lebensdienlich, sie ist lebensgefährlich. Sie steckt an. Sie kann eine ganze Welt anstecken. Das geschieht heute auch durch die sozialen Medien, wo Menschen eingeredet wird, was sie alles brauchen und was sie alles tun sollten.
Je länger man darüber nachdenkt, was Menschen bedrückt, was sie belastet, desto mehr wird man finden.
Druck verspüre ich auch bei den vielen Fragen und Herausforderungen, vor denen wir in der Kirche stehen. Wo muss sich etwas ändern? Wie gehen wir es richtig an? Wo müssen wir umdenken? Einladende Kirche wollen wir sein. Aber wozu laden wir Menschen ein? Was werden sie bei uns finden, wenn sie kommen?
Wenn die Geplagten und Belasteten wirklich in Scharen zu uns kämen, wie wir uns das gerne wünschen, würden sie dann nicht zusätzliche Lasten statt Erquickung finden? Im Namen Gottes vorgetragene Rechthaberei. Unterschiedliche Frömmigkeitsformen. Verschiedene Antworten auf die Fragen unserer Zeit. Würden sie überhaupt mit ehrlichem Interesse willkommen geheißen? Könnten wir genug Zeit für sie aufbringen, Zeit zum Zuhören? Hätten wir das Wort, das ihnen weiterhilft, das Kraft gibt zum Leben?
Solche Fragen zu Ende gedacht, werden wir feststellen: Wir können anderen nur bedingt helfen. Wir müssen es anders angehen. Wir müssen uns selbst helfen lassen und mit anderen zusammen der Einladung Jesu folgen: Kommt her zu mir, alle…
Mit unserem Pflichtbewusstsein, mit unseren Idealvorstellungen von Gemeinde, mit unserer christlichen Moral überfordern wir uns.
Wir Christen sind es ja gar nicht, zu denen eingeladen wird.
Sondern wir sind zusammen mit allen Mühseligen und Beladenen der Welt eingeladen zu dem, der Raum hat für alle und der sich Zeit nimmt für alle. Wer ist der Einladende. Das Verblüffende ist, dass es nach unseren Vorstellungen ein Versager ist. Jesus hatte nämlich auch keinen Erfolg in unserem Sinn. Das lässt unsere Ideale fraglich werden.
Unserem Predigttext gehen Weherufe über galiläische Orte voraus: Chorazim, Bethsaida und Kapernaum. Dort sind die meisten Taten Jesu geschehen, und doch sind die Menschen nicht umgekehrt zu Jesus.
Jesus erlebte also einen niederdrückenden Misserfolg.
Doch wie geht Jesus damit um? Er preist Gott, seinen himmlischen Vater! Was für eine Freiheit! Das hat nur Sinn, wenn Gott selbst mit diesem Misserfolg etwas zu tun hat und zu tun bekommen soll.
Ja, Jesus hat die Freiheit, Gott selbst in die Misserfolge seines Wirkens hineinzuziehen. Gott will mitten im irdischen Misserfolg Gott sein. Das hat er den Einfältigen offenbart, den Klugen und Weisen aber vorenthalten. In der Freiheit des Versagers ist Gott selbst gegenwärtig.
Es gehört zur Freiheit Jesu, dass er nicht nur Gott in seinen Misserfolg hinziehen will, sondern auch Menschen. Er tut es nicht seinetwegen. Er tut es unseretwegen, liebe Gemeinde.
Es klingt wahrscheinlich paradox, aber gerade darin können wir auch für uns Entlastung und Erquickung finden: Wer in den Misserfolg Jesu hineingezogen wird, der wird in die Freiheit und damit in die Gegenwart Gottes hineingezogen. Hören wir diese Freiheit, die aus der Verbundenheit mit Gott resultiert, aus dem Gebet Jesu heraus:
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
Jesus hält in seinem Misserfolg an Gott fest und vertraut sich ihm an. Er lebt aus der Verbundenheit mit ihm. Er weiß Gott an seiner Seite.
Jesus, der Versager, kann helfen. Er hilft, indem er uns seinerseits unter einen neuen Druck setzt. Wir brauchen diesen Druck zum Lernen. Darum sagt Jesus: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Jesus hilft uns, indem er uns unter den Druck der Freiheit setzt.
Wir sollen dazu frei werden, Gott in unser Versagen hineinzuziehen.
Das ist kein quälender Druck, keine neue Last. Es ist ein Impuls, ein Antrieb, der uns Abstand und damit auch Ruhe von allen anderen Bedrückungen und Lasten bringt. So erhalten wir Kraft zum Leben.
Das Joch, das Jesus uns auflegt, der Druck, den er uns macht, ist der einzige Druck auf Erden, der heilsam genannt werden kann.
Wer dem Druck Jesu nachgibt, sich in Freiheit an Gott zu wenden und ihn wirken zu lassen, der wird neue Freude am Leben finden.
Da geht Jesu Heilandsruf in Erfüllung:
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
(Bei der Auslegung dieses Textes habe ich Anleihen bei meinem theologischen Lehrer Eberhard Jüngel genommen. Hans Gernert)