Zum religiösen und säkularen Fundamentalismus

Kirchweih Füttersee 2018
Bildrechte: Hans Gernert
Kirchweih Füttersee 2018

 Die immer komplexer werdende Wirklichkeit verunsichert viele Menschen. Wir erleben derzeit eine Zunahme des fundamentalistischen Denkens. Dabei gehen der religiöse und der politische Fundamentalismus nicht selten Allianzen ein. Man muss nur genau hinschauen, wer zum Beispiel Homosexualität verurteilt. Denn die Struktur ist dieselbe: Man meint, für eine gerechte Sache, für die richte Wahrheit zu streiten, und der andere, der den falschen Glauben oder gar keinen hat, ist zu bekämpfen, wenn nötig bis aufs Blut. Was religiöse wie säkulare Fundamentalisten vereint ist der Kampf gegen denselben „Feind“: die offene, liberale Gesellschaft.

 

Fundamentalisten treten rechthaberisch auf, lassen keine anderen Argumente zählen, diktieren, verhaften das Leben auf eine nicht hinterfragbare Idee.

Fundamentalisten bekämpfen die Demokratie, fördern Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, Fremdenhass, Ausgrenzung, Abschottung und spalten die Gesellschaft. Solche Entwicklungen können wir derzeit in vielen Ländern beobachten und leider auch zunehmend in Deutschland. Wer anderen seine fundamentalistische Weltsicht aufzwingen will, ist oft selbst orientierungslos und verunsichert und ohne Fundament.

 

Wer dagegen ein tragfähiges Fundament in sich hat und weiß, wer er ist, kann sich mit seiner Umwelt in vielfältiger Weise austauschen. Er weiß, dass die Wahrheit keine feste Größe ist, sondern im Gespräch und im lebendigen Austausch immer wieder neu gefunden wird. Er setzt auf Dialog. Er geht offen, sensibel, respektvoll mit seinen Mitmenschen um. Er nimmt die Wirklichkeit auch mit ihren schwierigen Seiten wahr und geht den Dingen auf den Grund, um Probleme sachgerecht zu lösen. Er weiß darum, dass er selbst irren kann, ist offen für die Argumente der anderen und bereit zu Selbstkritik, weil er dem Leben dienen will. Das Leben ist vielfältig, bunt, dynamisch und eben nicht einseitig, schwarz-weiß und starr.

 

Der Apostel Paulus sagt: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2. Kor. 3, 6) und „Jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten und zur Erbauung... Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat…“ (Röm. 15, 3.7). Damit zieht Paulus letztlich Konsequenzen aus dem Liebesgebot Jesu: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. (Lk 10, 27) und aus der Goldenen Regel in der Bergpredigt: "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch." (Mt 7, 12) Fundamentalisten müssen sich fragen lassen, ob sie nicht andere Überzeugungen einfach stehen lassen und gelten lassen können. Was ich als Wahrheit für mich erkannt habe, muss nicht die Wahrheit für den anderen sein. Wer kennt schon sich selbst durch und durch? Wer kann schon behaupten, alle Geheimnisse der Welt zu wissen. Da hat der Apostel Paulus schon sehr klar gesehen: "Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts." (1. Kor. 13, 2)

 

Es kommt manchmal in Diskussionen der Punkt, wo man gegenseitig eingestehen sollte, dass es in bestimmten Fragen keine abschließenden Antworten gibt. Es muss auch manches offen gelassen werden. Das gehört zu Menschsein dazu. Denn unser Denken, unser Wissen, unser Vorstellungsvermögen ist begrenzt. Auch unabhängig von vermeintlichen ewigen Wahrheiten haben wir genug damit zu tun, miteinander für eine gerechte, friedliche und lebenswerte Welt Sorge zu tragen.

„Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.“ (1. Kor. 13, 9-10)

Ein alter Mann hat seine Welterfahrung in die drei Worte gefasst: „Immer Mensch bleiben!“ Eine gute Devise für einen respektvollen Umgang miteinander.   

Oder mit Lothar Zenetti gesagt:

Niemals die einen gegen die anderen

Niemals die einen über den anderen

Niemals die einen ohne die anderen

Hans Gernert / Alexander Schwabe (Publik Forum, 9.11.2018, S. 16f.)